Die Reittherapie – Reiten für Körper und Seele

Am Anfang war alles ganz normal


Amelie ist fünf Jahre alt. Im sehr jungen Alter von nur eineinhalb Jahren wird bei ihr das Rett-Syndrom diagnostiziert, eine seltene neurologische Entwicklungsstörung, die nur bei Mädchen vorkommt.


Bis die ersten Symptome auftreten, entwickelt sich Amelie ganz normal, kann bereits ein paar Worte sprechen, selbständig essen, sitzen und spielen. Dann wird das Rett-Syndrom diagnostiziert und sie weist typische Symptome wie Epilepsie und Handstereotypen (Handbewegungen ähneln dem Händewaschen) auf. Amelies Mutter Pamela erzählt mir, dass ihre Tochter inzwischen kaum noch Selbstkontrolle über den eigenen Körper hat und „manchmal in ihrer eigenen Welt“ lebt.


Bisher ist das Rett-Syndrom nicht heilbar. Doch es gibt viele Behandlungsmöglichkeiten wie Krankengymnastik, Musik-, Reit und Beschäftigungstherapie. Dabei sind die Therapien immer individuell auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt.


Amelie geht einmal in der Woche zur Reittherapie. Hierbei darf ich die junge Familie Anfang des Jahres begleiten. Hautnah erlebe ich mit, wie sich die Therapiestunde auf Amelie auswirkt.


Die pferdgestützte Therapie zeigt Wirkung


Amelie geht seit etwa eineinviertel Jahren zur Reittherapie. Ihre Mutter berichtet mir, dass es ihr sehr gut gefällt und sie gut mitmacht. Amelie hat einen aufrechten Sitz und Spannung im Körper, in dem sie sonst gefangen ist. Pamela beschreibt mir, dass ihre Tochter innerlich mit dem Pferd verbunden sei. Sie sitzt aber nicht allein auf dem Pferd, sondern mit ihrer Therapeutin. Dadurch wird Amelies Gleichgewichtssinn geschult und ganz nebenbei wirken die Schaukelbewegungen auch beruhigend. Amelie kann sich entspannen und hat im Laufe der Zeit sogar aufgehört, mit den Zähnen zu knirschen.


Ich frage Pamela, wie sie auf die Reittherapie aufmerksam geworden ist. Sie erzählt mir, dass es reiner Zufall war, als Amelie in die Schule gekommen ist. Sie besucht ein privates Förderzentrum mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung als Schulvorbereitende Einrichtung, in der auch ihre Therapeutin arbeitet. Doch auch schon im Vorfeld gab es Überlegungen in diese Richtung. Es war nur die Frage, wo eine Reittherapie möglich ist und vor allem, wer die Kosten trägt.


Amelies Mutter berichtet mir, dass sie sich über die Kosten jedoch keine Gedanken machen muss, da diese von dem VKKK Ostbayern e. V. getragen werden, einem Verein zur Förderung krebskranker und körperbehinderter Kinder.


Die Zukunft


Am Ende interessiert mich noch, wie Pamela in die Zukunft blickt. Sie sagt mir, dass sie sich eine Heilung für das Rett-Syndrom wünscht und Amelie wieder gesund wird, sich selbst äußern kann und nicht mehr in einem Körper gefangen ist, den sie nicht kontrollieren kann. Doch auch, wenn das nicht der Fall sein sollte, Amelie ist eine Kämpferin und sie ist perfekt, so wie sie ist.

Pamela erzählt mir noch, dass zum Zeitpunkt der Diagnose für beide die Welt unterging. Es fühlte sich an, als wurde ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen. Plötzlich war da eine Leere, und Zukunftsängste belasteten die junge Mutter. Doch auch sie ist eine Kämpferin und sagt: „Egal, wie ein Kind ist, ob eingeschränkt oder gesund, jedes Kind hat es verdient, so wie es ist, geliebt zu werden“.


Überwältigt und ergriffen fahre ich nach Hause!


Was ist eine Reittherapie?


Therapeutisches Reiten ist mehr als nur eine sportliche Freizeitgestaltung. Es spricht den Menschen immer ganzheitlich an. Kinder und Jugendliche mit einer körperlichen und/oder geistigen Behinderung oder psychischen Erkrankung gehören zu den Klienten einer Reittherapie. Erwachsene sind zwar seltener dabei, jedoch nicht völlig ausgeschlossen.


Hier werden viele therapeutische Ansätze mit dem Pferd umgesetzt. Es kann helfen, die Beweglichkeit und Motorik zu fördern und zu stärken. Pferde spiegeln das eigene Verhalten wider, sie spüren, wie sich der Mensch gerade fühlt. Das hilft dabei, sich selbst richtig wahrzunehmen, Selbstbewusstsein aufzubauen und zu stärken. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Umgang mit Pferden auch dabei hilft, Stress abzubauen. Eine Reittherapie ist also auf vielfältige Weise nützlich.


Amelie reitet hier auf einem Fjordpferd. Das Kuratorium für Therapeutisches Reiten in Warendorf empfiehlt diese Pferderasse für alle Sparten der pferdgestützten Therapie. Die Norweger sind nicht zu groß und nicht zu klein. Und dennoch kräftig genug, um auch Erwachsene oder zwei Personen tragen zu können. Das Fjordpferd besitzt ein ruhiges Wesen und ist nicht so leicht zu erschrecken. Das ist wichtig für ein Therapiepferd. Es ist sehr geduldig und tiefenentspannt, was sich hervorragend auf den gestressten Klienten auswirkt.


Die Ausbildung


Doch auch ein Norweger wird nicht als perfektes Therapiepferd geboren. Es bedarf einer Ausbildung. Und die braucht ihre Zeit. Mindestens ein halbes Jahr, wenn die Fjordpferde bereits Vorbildung mitbringen, ansonsten nicht unter einem Jahr. Das ist auch für die Bindungsarbeit mit dem Therapeuten wichtig. Pferd und Mensch müssen sich zu 100 % aufeinander verlassen und vertrauen können. Damit der Norweger oder auch andere Pferderassen zum Therapiepferd ausgebildet werden können, muss das Pferd zunächst einmal gesundheitlich fit sein. Im Laufe der Ausbildung erfährt es dann Schrecktraining, Situationstraining, Gelassenheits- und natürlich auch Stresstraining. Es kann immer zu unvorhergesehene Situationen kommen, die das Pferd aushalten bzw. bewältigen muss.


Für den Menschen gibt es keine vorgeschriebene Ausbildung. Eine pädagogische/therapeutische Vorbildung ist jedoch von Vorteil, ebenso wie Erfahrung mit Pferden. Schließlich geht es hier immer noch um den Umgang mit Menschen und Tier.


Die Anbieter


Bleibt jetzt die Frage, woran ein guter Anbieter zu erkennen ist. Es kommt hierbei ganz auf das Angebot an, wie vielfältig es ist und auch, ob mehrere Pferde zur Verfügung stehen. Denn es ist wie bei uns Menschen: Nicht jeder kommt mit jedem zurecht.


Die Kosten


Die Kosten für die Reittherapie sind nicht erstattungsfähig! Dabei nimmt Therapeutisches Reiten eine einzigartige Stellung unter den tiergestützten Therapien ein. Es ist nicht notwendig, dafür tausende von Kilometern zu fliegen und doch werden die Kosten von der gesetzlichen Krankenkasse nur im Einzelfall genehmigt. Was das heißt, wissen wir wohl alle!


Dabei blickt die Reittherapie schon auf eine sehr lange Tradition zurück. Erste Aufzeichnungen wurden bereits im späten 8. Jahrhundert gemacht. Zudem ist Therapeutisches Reiten bei vielen Einschränkungen, Entwicklungsverzögerungen oder auch Störungs- und Krankheitsbildern geeignet. Warum also gehört das nicht zu den Basisleistungen einer Krankenkasse?


Aber immerhin gibt es eine positive Nachricht: Die privaten Krankenkassen öffnen sich der pferdgestützten Therapie mehr und mehr und übernehmen die Kosten in Höhe von 40,00 € bis 70,00 € pro Stunde.


Ich meine, dass sich die gesetzlichen Krankenkassen daran mal ein Beispiel nehmen sollten!


Danksagung


Ein großes Dankeschön geht an Amelie und ihre Familie. Herzlichen Dank, dass ich Euch bei der Therapiestunde begleiten durfte! Das war eine unglaubliche und einmalige Erfahrung für mich! Und natürlich danke ich auch Kathi und Susi Gold von den Sozialtherapeutischen Hilfen in Regensburg, die mir es ermöglicht haben, diesen Artikel schreiben zu können. Vielen Dank dafür, dass Ihr mir einen so wunderbaren Einblick gewährt habt und danke auch dafür, dass ich Euch immer mal wieder besuchen darf!

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