Mein Weg zum Distanzpferd



Vor sechs Jahren kam ich über mein Pferd zum Distanzsport, 2020 vom Distanzsport zum Pferd.


Das erste Mal begab ich mich rational und emotional auf Pferdesuche. Dabei führte mich meine Reise ins Distanzreitland Frankreich und quer durch Deutschland. Wo findet man Distanzpferde? Was ist wichtig bei einem Distanzpferd? Und wieso überhaupt Distanzreiten?


Passion Distanzreiten

Drei Jahre lang hatte ich meine Shagya-Araberstute Vilma bereits, die ich als reines Freizeitpferd gekauft hatte, als ich sie fand: Unsere Passion.

Distanzreiten machte mein geliebtes Hobby Reiten zu einer Leidenschaft, die bis heute anhält. Egal wie viel Mühe ich mir gab, abwechslungsreich mit ihr zu arbeiten, sie stand immer vor mir mit dem Blick “Und was machen wir jetzt?”. Nach meinem Umzug von München an den Bodensee überlegte ich krampfhaft, was ich diesem Pferd noch bieten könnte. Ob es so eine Art Marathon für Pferde gibt? So trivial es klingen mag, ich setzte mich hin, googelte nach eben dieser Phrase und stieß auf Distanzreiten. Zehn Minuten später trat ich einer Facebook Gruppe für Distanzreiter bei, zehn Tage später traf ich zum ersten Mal eine waschechte Distanzreiterin zum gemeinsamen Training und zehn Wochen später trosste* ich im Haupt- und Landesgestüt Marbach und besuchte ein Einsteiger-Seminar für Distanzreiten. Zwei Jahre später gewannen wir unsere erste Langstrecke über 84 km. Damals hätte ich nie gedacht, dass eine Google Suche mein (Reiter-)leben so nachhaltig prägen würde.


*Trossen ist im Distanzsport das, was man in anderen Disziplinen unter TT kennt - er sorgt dafür, dass Pferd und Reiter gut über die Strecke kommen. Dazu gehört u.a. Trosspunkte anfahren und Trink- sowie Kühlwasser bereitstellen, Futter richten, beim Tierarzt vorstellen etc.

Der Weg zur Pferdesuche

Neben Vilma stieß 2017 noch ein zweites Pferd in mein Leben: Zena. Als rohes Rettungspferd investierte ich zunächst zwei Jahre in Aufpäppeln und Einreiten, bevor wir uns langsam Richtung Distanzreiten wagten. Über die Zeit wurde mir immer klarer: Während Vilmas Augen leuchteten, wenn sie laufen durfte, teilten Zena und ich diese Passion nicht.

Wir waren nicht das unschlagbare Team, das an einem Strang zog und so entwickelte sich schleichend die leise Idee, für Zena ein neues Herzenszuhause zu suchen, was ich aber zunächst in weite Ferne verbuchte. Denn ich bin kein Typ Mensch, der sein Pferd verkauft, “nur”, weil wir auf unterschiedlichen sportlichen Wellen schwimmen. Ich merkte aber immer deutlicher, dass nicht nur ich öfter unzufrieden war, sondern vor allem sie. Als ich Vilma im Juni 2020 unerwartet einschläfern lassen musste, änderte sich mein kleiner Pferdekosmos. So verließ mich also auch mein zweites Pferd, nur drei Monate nach Vilmas Tod.


Die rationale Pferdesuche

Während ich Vilma und Zena getreu nach dem Motto “Ach, ist die süß” ausgesucht hatte, wusste ich dieses Mal: Ich suche nicht nur einen Pferdepartner an meiner Seite, sondern auch ein Pferd, das meinem Sport gewachsen ist. Das Pferd muss natürlich emotional MEIN Pferd sein, aber auch rational einige Kriterien erfüllen. Denn wenn ich eins gelernt habe, seit ich vom Freizeitreiter ein bisschen mehr in Richtung Reitsport gerückt bin, dass es in unserer Verantwortung liegt, dem Pferd körperlich und psychisch nur so viel zuzumuten, dass es möglichst verschleißfrei alt werden kann. Ein möglichst korrektes Exterieur ist nicht nur irgendein Schönheitsideal, sondern die Grundlage dafür, dass das Pferd möglichst wenig “Sollbruchstellen” mitbringt, die bei einer höheren Belastung nachgeben oder in Mitleidenschaft geraten.


Ich begann damit, mir eine Liste zu schreiben, was das neue Pferd mitbringen sollte und scrollte mich durch eHorses und Homepages von Züchtern. Schnell stellte ich fest, dass mein neues Unterfangen leichter gesagt als getan war: An vielen Pferden, die mich auf den ersten Blick ansprachen, gab es etwas auszusetzen und die Pferde, die augenscheinlich vieles mitbrachten, was ich suchte, wollten so gar nichts in mir auslösen.


Meine Liste für die Suche nach einem Distanzpferd


Korrektes Exterieur

Gerade, gleichmäßige Gliedmaßen ohne Fehlstellungen, ein gutes Fundament und wohl proportionierte, korrekte Hufe waren mir wichtig. Diese Kriterien sorgen wie oben beschrieben dafür, dass das Pferd möglichst wenig Sollbruchstellen mitbringt. Beim Araber hatte ich oft das Gefühl, dass es vor allem an gutem Fundament mangeln kann. Mich unterstützte bei der Beurteilung eine Freundin, die selbst züchtet und deren Auge wesentlich geschulter ist als meins. Aber: Wer sucht, der findet. Kein Lebewesen ist perfekt.


Gutes Nervenkostüm

Im Distanzsport reiten wir stundenlang durch fremdes Gelände, das Pferd wird regelmäßig verladen und schläft auf nationalen Ritten im Freien. Mit anderen Worten: Es sollte nervenstark sein und gleichzeitig laufen wollen. Das war bei einem rohen Pferd - zugegeben - etwas schwieriger zu beurteilen. Ich habe mich daher daran orientiert, wie das junge Pferd auf neue Reize und Menschen reagiert - aufgeschlossen und neugierig oder eher verschlossen und ängstlich?


Der Wille zur Weite

Was ein Distanzpferd maßgeblich von anderen Sparten unterscheidet, ist der Wille zur Weite. Das bedeutet im Klartext: Im Hochleistungssport auch nach 130 km nochmal auf die Strecke und die restlichen 30 km Laufen zu wollen. International sind Sporen und Gerten verboten - das Pferd läuft demnach nur, wenn es auch wirklich will. Ob ein Pferd für die Langstrecke gemacht ist, sieht man erst dann richtig, wenn man sich tatsächlich bereits an diese Strecken wagt - ergo das Pferd bereits mehrere Jahre geritten und trainiert wird. In der Regel gehen Pferde mit acht bis zehn Jahren das erste Mal auf die Langstrecke, also mehr als 81 km und bis zu 160 km an einem Tag. Vorher, wie in meinem Fall, habe ich versucht, wenigstens die Weichen dafür über andere Faktoren abzuschätzen: Hat das Pferd generell Spaß am Laufen und bewegt sich zum Beispiel auf der Koppel gerne? Liefen die Eltern im Distanzsport oder haben Fohlen im Sport hervorgebracht? Dafür kann man zum Beispiel einen Blick in die Statistiken der FEI werfen und sich an absolvierten Stuten- und / oder Hengstleistungsprüfungen orientieren.


Das ökonomische Laufen

Da gibt es noch etwas, bei dem der Anspruch an ein Distanzpferd anders ist als in anderen Sparten: économie de gestes dans les allures. Zu Deutsch ökonomische Gangarten. Während man bei einem Dressurpferd oft an die berühmten “Lampenaustreter” denkt, wäre genau das kontraproduktiv im Distanzsport. Denn so verbraucht das Pferd viel mehr Energie in das Laufen an sich, als wenn es gleichmäßig, geradegerichtet und ohne zu viel Aktion läuft. Deshalb sieht man beispielsweise auch so wenig Spanier im Distanzsport (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel).


Der Araber

In Sachen Rasse musste ich nicht lange überlegen: Nicht nur, dass Araber die verbreiteste Rasse im Distanzsport ist, auch ich habe mich dieser Rasse verschrieben. Auch wenn sie manchmal aufgedrehter wirken als andere Rassen, so bringen sie einen meist niedrigeren Puls mit, eine zierliche Figur, wodurch sie weniger Masse über die Strecke tragen müssen und haben das nötige Maß an Temperament. Wagt man einen Blick in den “Menschensport”, so sieht man auf Marathons auch meist schlanke, drahtige Läufer. Pferde, deren Energie man mehr kanalisieren muss, als sie zu beherrschen - dafür schlug mein Herz schon immer. Ich persönlich schätze den Shagya-Araber sehr, der noch etwas mehr Substanz und Reitpferdepoints mitbringt.


Das Pferd findet seinen Reiter

Während die Suche auf eHorses eher weniger zufriedenstellend war, tauschte ich mich viel mit anderen Besitzern von Distanzpferden aus, fragte nach Kontaktdaten zu Züchtern und bat um Informationen zu Verkaufspferden. Denn entgegen meiner Erwartung hatten viele Züchter ihre Verkaufspferde nicht online, sondern lediglich auf Nachfrage. Da ich ein rohes Pferd kaufen wollte, das in seiner Abstammung eine Referenz zum Distanzsport mitbrachte, war mir schnell klar, dass ich ein Pferd vom Züchter möchte. In der Regel ist es zwar etwas teurer, wurde dafür aber meist mit viel Knowhow und Bedacht gezüchtet. Nun ist Distanzreiten ein Nischensport in Deutschland und insbesondere Shagya-Araber auch keine extrem häufig vertretene Rasse. Dafür ist aber eines unserer Nachbarländer umso prädestinierter für Distanzpferde: Frankreich.


Über eine Bekannte, die Schweizer Distanzreiterin ist, erfuhr ich von einer Shagya Zucht in Frankreich, bei der einige Distanzyoungster zum Verkauf standen. Irgendwann zwischen Lockdowns und Beherbergungsverboten konnte ich mich auf den langen Weg nach Frankreich machen und fand es: MEIN Pferd! Wer jetzt Liebe auf den ersten Blick erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Mein Herz schlug nämlich für eine Schimmelstute, die meiner Vilma sehr ähnelte. Ich schaute mir die anderen Pferde trotzdem an, fotografierte ihr Exterieur und ließ mir ihre Gänge vorführen.

Zuhause angekommen schickte ich alle Bilder gesammelt an meine Exterieur-Profi Freundin, die mir schnell antwortete, dass ihr der Fuchs am besten gefallen würde. So nahm ich die Bilder nochmal unter die Lupe und erinnerte mich an meinen Tag dort - wie war er denn eigentlich, dieser Fuchs? Da ich zu Beginn meiner Suche auf meine persönliche Vorliebe Schimmel und Stute festgefahren war (auch wenn ich mir etwas anderes einredete), hatte ich diesem Fuchswallach gar nicht so viel Augenmerk geschenkt. Auch eine andere tolle Shagya-Araberstute aus Deutschland spukte noch in meinem Kopf umher. Daher rief ich die Züchterin nochmals an und bat um mehr Hintergrundinformationen zu diesem Pferd. Und je mehr sie mir erzählte, umso sicherer wurde ich mir.


Ich kann euch das Ende dieser Geschichte verraten: Ein paar Wochen später zog dieser Fuchs zu mir. Eine Pferdesuche, bei der immer der Verkauf eines Pferdes und der Tod meines Herzenspferdes mitschwang, fand seinen krönenden Abschluss. Während mich am Anfang die Diskrepanz zwischen emotionaler und rationaler Suche eher blockierte, war es letztendlich deren Symbiose, die mich zu meinem Pferd geführt hat.


Über Lisa Weißenberger

Lisa wurde 1995 geboren und lebt in Süddeutschland. Seit ihrem siebten Lebensjahr ist sie im Sattel zu finden und seit 2014 ist Lisa im Distanzsport zuhause. Ihre große Liebe gilt den Arabern und dem Distanzreiten, über das sie bereits seit sieben Jahren bloggt. 2020 veranstaltete sie erstmals den “Online-Distanzritt” Plan D, der vor allem Interessierten und Einsteigern den Weg in den Sport zeigen soll.

Lisa ist auch auf Instagram zu finden.


344 Ansichten0 Kommentare