Tiertrauer

Um ein Tier zu trauern, spaltet immer wieder die Gemüter. Da gibt es jene, die das absolut nachvollziehen können und andere, die das nicht verstehen können oder gar wollen, weil es ja „nur“ ein Tier war.


Aber schauen wir uns einmal an, was Trauer überhaupt ist: Wikipedia sagt dazu: „Trauer ist eine durch einen schwerwiegenden Verlust verursachte Gemütsstimmung, die etwa durch den Verlust einer geliebten oder verehrten Person, durch einen ideellen Verlust oder die Erinnerung an solche Verluste hervorgerufen wird.“ Okay, da werden Tiere nicht aufgeführt, aber warum nicht? Tiere begleiten uns oft jahrelang. Und daher bauen wir doch auch eine emotionale Bindung zu ihnen auf oder nicht? Und das ist keinesfalls verwerflich. Ganz im Gegenteil, wie ich finde. Diese Bindung lässt uns doch auch gut um unser Tier kümmern.



Viele bezeichnen ihre Tiere auch als Familienmitglied. Bei mir war es so. Als ich damals mit Anfang 20 nach München gezogen bin, war ich hier ganz allein. Als Kind hatte ich immer Tiere, aber „nur“ Nagetiere: Meerschweinchen, Chinchillas, Hamster, Mäuse, war alles dabei. Aber mein Herz schlug schon immer auch für Katzen! Also schaffte ich mir zwei Jahre später zwei kleine Kätzchen an, seinerzeit gerade erst sechs Wochen alt. Eigentlich viel zu früh, aber die damals hochschwangere Bäuerin wollte sie unbedingt loshaben! Ich kann Euch sagen, in der ersten Woche habe ich noch nie so viel Wäsche gewaschen! (Ich muss bei der Erinnerung daran, lächeln). Ich war diejenige, die Jeany und Lucy gezeigt hat, wo das Katzenklo ist und was das überhaupt ist usw. Ich bin ihre Ersatzmami geworden und so habe ich mich auch gefühlt, bis zu ihrem Ableben. Jeany ist 14,5 Jahre alt geworden und Lucy ist einen Monat vor ihrem 17. Geburtstag gestorben, das war Mitte 2020. Seither bin ich allein.


Ich hätte Anfang des Jahres zwei neue Katzenbabys haben können. Sogar die Namen hatte ich schon ausgesucht, doch mein Job zwang mich dazu, sie doch wieder freizugeben. Ich kann ihnen kein gutes Zuhause bieten, da ich sehr viel unterwegs bin. Und ich muss leider gestehen, wohl auch, weil ich irgendwie noch nicht so weit bin, neuen Tierseelen ein Zuhause zu geben. Ich möchte es, ich möchte es wirklich, aber es geht nicht. Dabei geben mir Tiere, vor allem Katzen, so viel!


Jeany und Lucy haben mich fast mein halbes Leben lang begleitet und was haben wir nicht alles durchgemacht: Umzüge, sehr schmerzvolle Trennungen, bittere Enttäuschungen, aber wir hatten auch mindestens genauso viel Spaß. Wir waren eine waschechte Mädels-WG! Während ich das so schreibe und an meine Mädchen denke, muss ich weinen! Reden wir nicht drum herum: Es gab oft genug Zeiten, in denen ich wirklich genervt war von meinen Mädels, allem voran, wenn sie nachts um 2 Uhr ihre fünf Minuten bekommen haben und durch die Wohnung getobt sind, als gäbe es kein Morgen. Und ich kann Euch sagen, dass sich das nachts anhört, als würden eine Horde Wildpferde durch die Bude galoppieren! Wer Katzenbesitzer ist, weiß ich was meine. Und meine waren ja sogar so lieb, dass sie mich immer haben mitspielen lassen. Also ging es mehrfach über mich drüber. Hach ja, das waren Zeiten. Aber mit jedem Moment, den sie mir Trost spendeten oder einfach nur süß waren, waren solche Nächte zwar nicht vergessen, aber mehr als nur vergeben!

Ich lächle bei dem Gedanken an Jeany, die mit ihrer Nase meine Decke angestupst hat, wenn sie darunter kuscheln wollte.

Und Lucy, die sich sehr gerne auf meine Schulter gelegt hat zum Kuscheln, aber immer nur die linke Schulter. Die rechte war wohl irgendwie doof.



Und dann plötzlich tun sie weh, diese Erinnerungen, weil mir schlagartig bewusst wird, dass ich meine Mädchen nie wieder bei mir haben werde, jedenfalls nicht atmend, schnurrend oder maunzend. Sie sind bei mir; in meinem Herzen und ich habe mir für beide Erinnerungen geschaffen, die ich anfassen und jeden Tag sehen kann. Aber wir werden eben nie wieder zusammen kuscheln oder nachts fangen spielen.


Inzwischen gibt es ja zum Glück Institutionen, die es ermöglichen, sich Erinnerungen zu schaffen. Für Jeany habe ich mir eine Katzenurne so bemalen lassen, wie sie ausgesehen hat und das ist wirklich gut geworden und für Lucy habe ich mir einen Pfotenabdruck machen lassen! Billig war das nicht, aber das spielte in dem Moment keine Rolle für mich. Ich konnte und wollte sie nicht einfach nur hergeben. Einen verstorbenen Menschen kann man schließlich auch auf dem Friedhof besuchen.


Kommen wir zurück zur Definition, was Trauer denn ist. Hier wird zwar nicht direkt von Tieren gesprochen, aber von einem Verlust. Und ich habe meine beiden Mädchen verloren, beide waren krank. Jeany hatte plötzlich FIP bekommen. Als ich damals an einem Sonntag in die Tierklinik gefahren bin und sie dort lassen musste, ahnte ich noch nicht, dass ich sie nie wieder mit nach Hause nehmen würde und Lucy, mit der ich in ihrer letzten Woche jeden Tag beim Arzt war. Bei beiden musste ich die Entscheidung treffen, sie gehen zu lassen. Eine Entscheidung, von der mein Verstand weiß, dass es die richtige war, aber mein Herz? Mein Herz fragt mich immer mal wieder, ob es nicht vielleicht doch zu früh war. Was wäre gewesen, wenn ich zu einem anderen Tierarzt gegangen wäre. Aber was wäre, wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wäre. Jeany ist schon 2017 verstorben, kurz vor Weihnachten, und noch immer mache ich mir manchmal Vorwürfe oder frage mich, ob das alles so richtig war. Bei Lucy ist es ähnlich, obwohl sie mir wirklich sehr deutlich gezeigt hat, dass sie über die Regenbogenbrücke gehen will. Und doch tut es weh.


Der Verlust meiner Babys. In Tagen wie diesen, in denen ich viel um die Ohren habe, egal ob positiv oder negativ, fehlen sie mir so sehr. In solchen Phasen habe ich mich hingelegt und mindestens eine von beiden war sofort zur Stelle und kam kuscheln. Sie spürten immer, wenn es mir nicht gut ging. Andersrum war es natürlich genauso. Es war eine innere Verbindung, wie es so wohl nur innerhalb einer Familie geben kann. Für mich waren Jeany und Lucy Familie und deswegen wird mir ihr Verlust immer weh tun und ich werde immer mal wieder traurig sein.


Und es wird mir keiner sagen, wie lange ich über ihren Verlust traurig sein darf! Oder dass ich gar nicht traurig sein darf, weil es ja „nur“ Tiere waren. Für mich waren Jeany und Lucy so viel mehr.


Natürlich mag es Trauerphasen geben, die einem Menschen nicht guttun, weil sie möglicherweise keinen Weg finden, mit der Trauer umzugehen. Dann bin ich auch der Meinung, dass man sich Hilfe holen sollte. Und dabei ist es völlig egal, was oder wen man verloren hat. Gefühle sind immer echt! Und wenn ich keinen Weg finde, damit umzugehen, brauche ich Hilfe.



Um es aber nun auf den Punkt zu bringen: Trauer ist Trauer, egal worum oder wen wir trauern. Es ist in Ordnung. Als ich Jeany verloren habe, war ich sogar zwei Tage daheim, weil ich nicht mal in der Lage war, in die Arbeit zu gehen. Und das war in Ordnung so. Ich hatte einen schmerzhaften Verlust zu verkraften und konnte mich auf nichts konzentrieren, weil ich sowieso nur die ganze Zeit geweint habe. Darüber sprechen konnte ich noch lange Zeit nicht, ohne dass ich einen Kloß im Hals hatte, aber es wurde jeden Tag besser. Aber ganz vorbei wird es wohl nie sein!







Ob ich einem Tier jemals wieder ein Zuhause geben werde? Das weiß ich nicht. Das hängt wohl auch davon ab, wie sich mein Leben in den nächsten Jahren so entwickelt und ob ich bereit bin, wieder so eine enge Bindung aufzubauen, in dem Wissen, dass ich irgendwann vielleicht wieder eine schwere Entscheidung treffen muss.


Ich weiß, dass das im Widerspruch dazu steht, dass ich mich am wohlsten fühle und am glücklichsten bin, wenn ich Tiere um mich herumhabe. Aber was soll ich tun? So fühle ich nun mal. Und wie ich bereits schon erwähnte: Gefühle sind immer echt. Und solange es sich nicht gut anfühlt, wieder ein neues Familienmitglied zu adoptieren, werde ich es nicht tun. Bis dahin genieße ich die Tiershootings, die ich so habe. Und dann ist da ja auch noch Hudini, der weiße Fjordwallach einer Freundin, den ich auch hoffentlich bald wieder besuchen darf.


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